Engagement

Andreas van D├╝hren

Mit fortschreitendem Alter wird man vorsichtig, wenn es darum geht, die Geschichte eines Begriffes zu erörtern; zu vieles von dem, was sich aus eigener Biographie mit allgemeineren Entwicklungen verwoben hat, würde einer Beleuchtung unterzogen, welche den Konsens mit einem Mal weniger komfortabel erscheinen ließe und all das, was er an Persönlichem längst decken mochte, wieder anheim stellte und als schlichte Idiosynkrasie zu einem Schattendasein verurteilen könnte. Seltsamerweise sucht der Einzelne solche Gefahr umso eifriger bei Anlässen, die ihn bloßstellen müssen – im Gedenken an eine historische Figur, an der Idee und Lebenslauf zwar eklatant zusammentreffen, an deren Ausprägung des Begriffes jedoch das Individuelle marginalisiert zu werden droht; so geht man ausgerechnet im Schutz der Gemeinschaft aufs Anekdotische aus und fördert lauter kleine Fragmente eines Spiegels zutage, in denen der Mensch nicht mehr das Orakel einer höheren Macht zu fürchten braucht: im Jubiläum findet der Einzelne Gelegenheit, sein Selbstbild in Anführungszeichen zu setzen.
Es verdankt sich also nicht einmal jener Pünktlichkeit des Schicksals, die man „Zufall“ nennt, daß in diesen Wochen, da sich das Erscheinen des ersten „Briefes in die Provinz“ – schließlich als „Les Provincales“, verfaßt von Pascal, in die Literaturgeschichte eingegangen – zum dreihundertfünfzigsten Mal jährt, jemand über den Begriff „Engagement“ nachdenken wollte. Der in jenen Briefen (einseitig) ausgetragene Streit um die Gnadenlehre des Jansenius verlangte eine eigene Darlegung; etwas süffisant könnte man anmerken, daß zwei der am häufigsten wiederholten Formeln noch die Zerstörung von Port Royal überdauert hätten: „jene Autoren“ – womit Pascal grimmig-spöttisch auf die Jesuiten zu verweisen pflegte und so ein bis heute geeignetes Schimpfwort erfand; sowie die Unterscheidung von „notwendig“ und „zureichend“ – ein Spiel
mit Worten, mit dem noch immer jeder Franzose, der auch nur beim Aussprechen eines Toastes auf sich hält, seine Berufung rechtfertigt.
Doch etwas anderes regte die Assoziation an: Diese Briefe waren anonym sowie ohne Drucknachweise erschienen; zudem in aller Heimlichkeit hergestellt und verschwörerisch in Umlauf gebracht, geben sie ein frühes Beispiel für das Flugblatt aus dem Untergrund, an dem der mittellose Aufständische und der prominente Bürger nicht auseinanderzuhalten sind; es war ein (mehr oder weniger) aktueller, jedenfalls politisch brisanter Streit, der den Anlaß bot, auch eine persönliche Solidarität mit den Betroffenen, die den Verfasser bewog, sich einzumischen; diese „petites lettres“ wurden, über die überschaubare Auflage weit hinaus, von Millionen wahrgenommen und diskutiert, und sie riefen die höchsten Autoritäten auf den Plan; schließlich – sie lancierten in ihrer Verquickung von Gelehrsamkeit und Empörung, fast arroganter Eloquenz und penibelster Argumentation, Verstellung und Verlautbarung ein neues Genre und veränderten, wenn schon nicht die Welt, die französische Literatur; sie sind so geläufig wie „Candide“ oder „Les fleurs du mal“ und erübrigen so jene Schreibschulen in der Provinz, welche im hiesigen Betrieb die literarische Bildung ersetzen sollen.
Daß der Begriff „Engagement“ zum Gegenstand des Spottes zumal unter Intellektuellen werden konnte, hat Gründe, die man – nicht nur hierzulande – im „dunkelsten Kapitel“ unserer Geschichte suchen muß: Seitdem wir die Weltkriege nicht mehr zählen, schützt auch der beste Stil kein Pamphlet vor dem Gegenstoß, es erinnere an den „Stürmer“, und wird noch dem Virtuosen, der gelegentlich die Politik zum Sujet wählte, nicht der Rat erspart, er möge bei seinen Leisten bleiben. Daß es aber ohne Idee, jegliches Bekenntnis in Glaubensfragen – sei das Bekenntnis auch durch Verstellung erst ermöglicht und die jeweilige Glaubensfrage auf Profanes beschränkt -, daß es also ohne einen Wert, der sich nicht allein in Worte fassen läßt, einen solchen Stil nicht gäbe, erklärt zugleich den Dilettantismus jener Autoren, die ihre Zivilcourage schon darin erwiesen sehen, daß sie an Unterschriftenaktionen teilnehmen.
Ob die Welt in den vergangenen dreieinhalb Jahrhunderten eine bessere geworden ist, mag ein Pangloss entscheiden; daß sie sich verändern läßt, weiß jeder, der sich ausdrücken kann. Der Künstler also ( wie der Autor – doch beide lernen wieder, eines im anderen zu verstehen) wird nicht fürchten, sich außerhalb seines Werkes zu verausgaben, da er alltäglich das, was auf ihn zukommt, kraft seiner Praxis entweder ins Werk einbindet oder als nicht verwertbares Material ausschließt; ohnehin wird er sich von großen Worten wie „Welt“ kaum in den nächsten Handgriffen beirren lassen: Seinen Realitätssinn läßt er gewiß nicht von jenen Phantasten überbieten, die ihre Bestimmung aus Wahlzetteln ableiten.
Doch er spürt mitunter, daß es Entscheidungen zu treffen gilt; diese mögen im einzelnen nicht über das Metier hinausreichen, nur daß der Betrieb – einmal nicht als der vielgescholtene genommen – die Zunft nicht einfach verdrängt, sondern auf all das hin erweitert hat, was früher „Gesellschaft“ hieß und sich zur ausgreifenden, noch den trauten Atelierwinkel einbeziehenden Polis gewandelt hat. Schließlich ist sogar die Enthaltung eine Wahl, der eine Würde nicht schon im Schweigen zukommt; der gute Grund, den es für sie gibt, offenbart sich in einer Praxis, in der jegliche Reflexion auf ein Übriges nicht mehr aufgehen kann.
Die ausdrückliche Anteilnahme an solchen Angelegenheiten, die einen „eigentlich“ nichts angehen, als Anmaßung zu diskreditieren – und somit eine Integrität der Existenz zu suggerieren, die sich in einer bloß genügsamen Attitüde der Souveränität verhielte – heißt immerhin, ein Signum des Modernen zu verkennen: das Doppelleben – jene Aufspaltung des Einzelnen, der sich einer immer zudringlicheren Einvernahme des Privaten ins Öffentliche durch ein Übertrumpfen der Forderung erwehrt.
Seltsam genug, den Künstler in eine Pflicht zu nehmen, für sein Werk in Wort und Tat allenthalben einzustehen, und das entsprechende Recht, den Spielraum der Vermittlung auf alles auszudehnen, ihm nicht zuzubilligen. Wenn es schon kein bequemes Reservat mehr geben soll, dann bedeutet das besondere Engagement nur die Wahrnehmung einer allgemeinen Bestimmung.
In dieser Frage sind naturgemäß die Biographien aufschlußreich: Der ein Gespräch über Bäume schrieb, war bekanntlich auch im politischen Geschäft mutiger und weitsichtiger als jener, der hierin ein Verbrechen sah.